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|  4: ORGANTRANSPLANTATION  |  4.1: Tx-Infos, Berichte, Zahlen

Compliance: Funktioniert das Transplantat bereits viele Jahre, werden Patienten häufig leichtfertig
Quelle: W. Weimar, M. A. Bos, J. J. Busschbach (Eds.), Organ Transplantation: Ethical, Legal and Psychosocial Aspects, Vol. II, 2011

 
Mit den Begriffen „Therapie-Adhärenz“ bzw. „Compliance“ wird allgemein definiert, wie sehr das Verhalten eines Patienten mit den Empfehlungen, die zwischen ihm und seinen Ärzten/Pflegepersonen vereinbart wurden, übereinstimmt. Eine mangelnde Therapie-Adhärenz bzw. Compliance zeigt sich folglich darin, wie sehr das Verhalten eines Patienten von dieser Vereinbarung abweicht. Nach einer Transplantation bezieht sich die Compliance auf eine Vielzahl von gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen, wie z. B. Einnahme, Zeitpunkt und Dosierung der immunsuppressiven Medikamente, die Einnahme von Medikamenten für Begleiterkrankungen, das Einhalten von Krankenhausterminen, die Selbstbeobachtung in Bezug auf Symptome einer Infektion oder einer Abstoßung, die Durchführung von Labortests sowie das Beachten von Verhaltensempfehlungen wie regelmäßiges körperliches Training, kontrollierte Kalorienzufuhr, eingeschränkter oder überhaupt kein Alkoholkonsum, Verbot von Tabak- oder Drogenkonsum und das Vermeiden von Sonneneinwirkung. Wie diese Liste zeigt, müssen Transplantatempfänger ein lebenslanges, komplexes, vielschichtiges Behandlungsregime befolgen. Der Großteil der Veröffentlichungen befasst sich dagegen nur mit der Einnahme der immunsuppressiven Medikamente, während das Befolgen der anderen gesundheitsbezogenen Verhaltensempfehlungen – abgesehen vom Alkoholkonsum bei lebertransplantierten Patienten – weniger gut erforscht ist.

 

Mit diesen Themen befassten sich internationale Spezialisten im vergangenen Jahr bei einem Workshop anlässlich des Transplantationskongresses in Rotterdam (Niederlande) mit Schwerpunkt „Ethische, rechtliche und psychosoziale Aspekte“ unter Moderation von Dr. Emma Massey.

 

 


 

Wie häufig ist mangelnde Compliance?
 
Eine Analyse von über 250 Studien an Transplantatempfängern ergab, dass bei Erwachsenen Compliance-Probleme in Bezug auf die Einnahme der Immunsuppressiva, die Ernährung, das körperliche Training und die Selbstbeobachtung am größten sind, während bei Drogen-, Tabak- und Alkoholkonsum am wenigsten mangelnde Therapie-Adhärenz zu beobachten ist. Bei Kindern und Jugendlichen ist mangelnde Compliance am größten bei den Krankenhausterminen und den erforderlichen Labortests, während dies bei Drogen-, Tabak- und Alkoholkonsum wieder am geringsten ist. Die Compliance unterscheidet sich nur wenig in Bezug auf das transplantierte Organ. Bei Erwachsenen zeigten sich nur drei wesentliche Unterschiede:

 

1. Mangelnde Compliance bei den Medikamenten ist am größten bei Empfängern von Nieren.
2. Mangelnde Compliance beim körperlichen Training ist am größten bei Empfängern von Nieren und Herzen.
3. Ein Rückfall in den Drogenkonsum kommt eher bei Empfängern von Nieren und Herzen als von Lebern vor.
Bei den Kindern und Jugendlichen ist das Versäumen von Krankenhausterminen und von Labortests bei den Nierentransplantat-Empfängern am größten.
 
Was weiß man über mangelnde Compliance?
 
1. Mangelnde Compliance bezieht sich nicht allein auf die Medikamenteneinnahme, auch andere Verhaltensweisen hinsichtlich Gesundheit und Lebensstil sind von großer Bedeutung und können sich auf den Patienten und sein transplantiertes Organ positiv oder negativ auswirken.
2. Es gibt verschiedene Methoden, um die Medikamenten-Compliance zu messen. Leider weiß man aber bis heute nur wenig darüber, wie sich das Einhalten von gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen bei transplantierten Patienten am besten beurteilen lässt.
3. Wenn die Einnahme der immunsuppressiven Medikamente nicht vorschriftsmäßig erfolgt, steigt die Wahrscheinlichkeit, im späteren Verlauf eine akute Abstoßung zu erleiden oder das neue Organ zu verlieren. Oft reichen geringe Abweichungen vom verordneten Medikamentenregime (wenn z. B. weniger als 95 % der Medikation eingenommen werden), um schlechtere Ergebnisse befürchten zu müssen. Patienten, die sich nicht an die Medikamentenverordnung halten, verursachen zusätzliche finanzielle Belastungen für das Gesundheitswesen, da sie mehr Ressourcen (zeitlicher und finanzieller Aufwand) verbrauchen als Patienten, die sich an das Behandlungsregime halten. Aus einer Kostenrechnung geht hervor, dass die durchschnittlichen Kosten bei Transplantatempfängern, die sich andauernd nicht an die Therapievorschriften halten, in den ersten drei Jahren nach der Operation um mehr als 21.600 US $ höher liegen als bei Patienten mit guter Compliance.
 
Was sind die Anzeichen für mangelnde Compliance?
 
Bei den patientenbezogenen Faktoren scheinen ein als schlecht empfundener Gesundheitszustand und das Fehlen von sozialer Unterstützung wichtige Faktoren für das Befolgen der Medikamentenverordnung unter Erwachsenen zu sein. Geringe soziale Unterstützung führt bei Alkoholproblemen in der Familie auch eher zu erneutem Alkoholkonsum nach der Transplantation. Wie bei vielen Verhaltenweisen kann man künftiges Verhalten (hier: Compliance) oft am besten durch früheres Verhalten voraussagen. Das Befolgen der Medikation vor der Transplantation erwies sich als beste Vorhersage für die Medikamenten-Compliance nach der Transplantation. Ebenso erwies sich der Konsum von Drogen, Tabak und Alkohol vor Transplantation als bester Vorhersagefaktor für eine Abstinenz bzw. einen Rückfall. In Bezug auf das Alter der Patienten scheint der Übergang vom Jugendalter ins Erwachsenenalter eine gefährliche Phase darzustellen. Compliance scheint in dieser Lebensphase nicht wichtig zu sein bzw. wird als in Konflikt mit dem Streben nach Selbstbestimmung und persönlicher Identität empfunden. Bei Kindern führen psychischer Stress und Verhaltensprobleme zur Abnahme der Medikamenten-Compliance. Zudem scheint mangelnde Compliance eher aufzutreten, je mehr Probleme die Eltern haben und je niedriger der Zusammenhalt in der Familie bzw. die Unterstützung ist. Darüber hinaus scheint sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen die Compliance im Laufe der Zeit nach Transplantation nachzulassen. Nicht zuletzt spielen persönliche Umstände, wie Familienstand, frühere Erkrankungen und Operationen, das Verhältnis zu Ärzten und Pflegekräften, eine Rolle.
 
Mangelnde Compliance bei transplantierten Patienten betrifft nicht nur die Medikamenten-Einnahme, sondern auch eine Reihe von Verhaltensempfehlungen – sie gefährdet den Patienten und sein neues Organ. Ärzte benötigen Zeit und Ressourcen, um gemeinsam mit den Patienten das jeweils passende Behandlungsregime auszuarbeiten. Werden die Patientenbedürfnisse in die Therapieplanung miteinbezogen, Risikofaktoren erkannt und verhaltensbezogene Interventionen integriert, kann sich auch die Gefahr von mangelnder Compliance verringern.

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